Kann man einem fast 10 Jahre alten Mythos nach so langer Zeit wieder Leben einhauchen ? Dieser Überzeugung scheint jedenfalls IAM Member Imhotep zu sein. 1998 schenkte er, mit der "Chroniques de Mars" Compilation, seiner Stadt eine Hommage, die zu einer der erfolgreichsten und bis heute legendärsten Veröffentlichungen des Rap Francais avancierte. Er versammelte alles was in Marseille Rang und Namen hatte und untermauerte die damals so klare Führungsrolle des Planet Mars im Game. Heute haben sich die Machtverhältnisse wieder deutlich nach Paris verschoben, von vielen der damaligen Artists hat man lange nichts mehr gehört und die einstige Hauptstadt des Rap ist wieder ein wenig zur Provinz verkommen. Das an der Côte d'Azur aber immer noch derselbe, revolutionäre Geist wohnt und sowohl die alten Helden, als auch die neuen Mitstreiter noch immer das Zeug zu grossen Taten haben, soll nun das zweite Kapitel der "Chroniques de Mars" beweisen.
Nach einer kurzen, von Imhotep und Psy 4 Member DJ Sya Styles performten, Reminiszenz an die glorreiche Vergangenheit der Chroniques, wird der Hörer von den Newcomern Andolini und Lil Sai, unter dem Marschbefehl von Psy 4 Member Segnor Alonzo, mit "La chronique" in Empfang genommen. Kein schlechter Start, der mit seinen Klassik Samples zwar sehr an 98 erinnert, aber keineswegs verstaubt klingt. Ein Freeman Song wie "On se démerde", der erst im Club seine ganze Note zur Entfaltung bringen würde, wäre Ende der 90er wohl undenkbar gewesen. Heute spricht er aber für die Modernisierung des Sounds auch im Hause IAM und für das Händchen von Imhotep, Tradition und Moderne gekonnt zu verbinden. Das von Pianos getragene "Ma génération" von Black Marché und Lygne 26 beschreibt zwar sehr gut die Unterschiede zwischen der aktuellen und der der vergangenen Hip Hop Szene, mehr als ein netter Track im klassischen Planet Mars Gewand springt dabei aber nicht heraus. Auch "Mr le juge" ist keine Erleuchtung. Zwar bilden Faf Larage & Aymen ein wirklich gutes Team, der andauernde Loop klingt auf die Dauer von fast 5 Minuten aber ein wenig zu eintönig.
"N.O.R.D." von Fonk'la, Vincenzo & Tonino hat da schon mehr Durchsetzungskraft und wer sich noch an La Cliqua's "Pas de place pour les traitres" erinnern kann, wird die wesentlich elektronischere Version "Le retour du naturel" der Marseille All Stars (u.a. Stone Black, Lil Sai, Red.K...) ebenfalls ins Herz schliessen. Yak und Sako lassen bei "T'étais où" zweifellos perfekte Double Time Flows von der Leine und am Gesang von 361 Records Artist Said gibt es an sich auch nichts auszusetzen. Trotzdem wirkt ihr gemeinsamer Song zu ungeordnet bzw. unausgefeilt, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Red.K, Zino und L-O kristallisieren sich mit "Bienvenue" als die vielleicht interessantesten Newcomer des Planet Mars heraus, während sich viele, vor allem ältere Semester über das Comeback von Sista Mickey freuen dürften. An der Seite von Jahman Soldat zeigt sie mit "Petite fleur", dass Marseille auch in Sachen Ragga Styles noch einiges zu bieten hat.
Zugegeben, den DJ Interludes wurde beim ersten Teil der "Chroniken von Marseille" noch mehr Gewicht zugesprochen, aber der kurze und prägnante Part von DJ Faze & Imhotep wird ausreichen, um allen Turntablism Freunden ein Grinsen ab zu ringen. Während die einen Grinsen, beginnen alle anderen zu strahlen. Denn was Bouga und Cheb Aissa mit "Aime-moi ce soir" hier abliefern, wird nicht nur Rai Fans begeistern und sämtliche Ladys auf die Tanzfläche ziehen, sondern auch viele Subwoofer dieser Erde an ihre Grenzen treiben. Ein erster, zwar nicht zu übertriebener, aber immerhin solider Streetbanger findet sich mit "Dans la rue" von Mojo und Fonky Family Mitglied Sat. Wer bis dahin noch keinen persönlichen Höhepunkt ausmachen konnte, sollte mit dem extrem treibenden Ragga meets Rap Brett von Shurik'n & Jahman Soldat besänftigt sein und wem die einst so unschlagbare Planet Mars Tiefe bisher abging, wird durch "Face aux passions" von Keny Arkana und L'Algerino ins geliebte Grübeln kommen.
Die Rückkehr auf die grosse Bühne von 3eme Oeil Member Boss One sorgt bei "Le dernier des Mohicans", mit Unterstützung von Toko Blaze & El Sarazino, für genauso viel gute Laune, wie "Pas vu venir" von Stone Black, K.Flow & Tony. Ein wirkliches Highlight ist der Beitrag von Altmeister K.Rhyme de la Roi nicht, trotzdem wird der entspannte Sound von "Soirée foirée" feat. Ysae & Ben sicherlich viele Freunde finden. "Music de Lions" mag das obere Mittelmass nicht verlassen, nicht desto trotz fragt sich der Hörer, warum er nach all den Jahren noch immer keinen Release des äusserst talentierten Veust Lyricist im Regal stehen hat.
Akhenaton und Mino stellen mit "Emporté par l'élan" einen absolut würdigen Abschluss einer generationsübergreifenden Compilation dar, die durchaus gute Chancen hat, in die Top 10 der besten Sampler des Jahres 2007 zu gelangen. Für die Entstehung eines ähnlichen Mythos wie 1998, fehlen mit El Matador, weiteren Teilen der Fonky Family, Soprano oder Kalsh l'Afro nicht nur ein paar wichtige Protagonisten des Planet Mars, sondern auch ein paar echte Banger mehr in der Trackliste. Imhotep hat es geschafft die Legende der Chroniques de Mars erfolgreich in die Gegenwart zu transportieren, auch wenn er damit längst nicht an die Grössenordung der Vergangenheit anknüpfen kann.