Was macht eigentlich den Erfolg von Sinik, den Unterschied zwischen ihm und dem Rest der sogenannten Hardcore Rap Szene aus? Eine Frage auf die uns vielleicht sein zweites Studio Album "Sang Froid" eine Antwort geben kann. Die Produktionen, soviel sei vorweg genommen, sind es nicht wirklich. Natürlich ist "Zone Interdite", die im Vorfeld releaste, erste Single, ein Banger wie er im Buche steht. Aber selbst solche gut umgesetzten Bounce Beats mit Hardcore Ausstrahlung gibt es derzeit wie Sand am Meer. Auch der Text den Sinik zum Besten gibt ist, oberflächlich betrachtet, erstmal nur einer von vielen "represent ma rue" Vertretern und diese sind im Moment auf so ziemlich jeder VÖ zu finden. Was macht also den Unterschied?
Vielleicht, dass der Mann aus Ulis seinen Battle Ansagen zusätzlich noch eine tiefer liegende Message auf die Haut schreibt, weil er nie einfach nur sein Quartier representet, sondern dabei immer noch tiefer in die Materie, in sein Viertel, in die Menschen seiner Umgebung hinein schaut.
So geschehen bei Tracks wie "Descente aux enfers" oder "La cite des anges".
Das Sinik seinen Fähigkeiten als MC, seiner Technik und seinen Skillz diesen raketenhaften Aufstieg zu verdanken hat, ist jedem Hörer von "Sang Froid" schnell bewusst. Auch wenn die Produktionen im Gegensatz zu "La main sur le coeur" nicht (noch) besser geworden sind und Sinik keineswegs grossartige Experimente eingegangen ist, seinem persönlichem Können scheint er noch ein Quentchen Perfektion mehr aufgelegt zu haben. Vielleicht liegt der Unterschied auch darin, dass man einen Song wie "Autodestruction", dessen völlig überladenes Beatgerüst inklusive mehrstimmiger Hookline rein Instrumental keinen vom Hocker haut, trotzdessen nicht weiter skippt. Dem man trotzdem zuhört und dennoch Spass hat, nur wegen der Präsenz des MCs.
Vielleicht ist der Unterschied, dass Sinik nicht wie alle anderen im Sumpf von Sarkozy Hass nur die trendige "Fuck Sarko" Parole aufgreift, sondern wesentlich tiefer gräbt und diese ganze Thematik aus einem völlig anderem Blickwinkel betrachtet. Weil er mit "Sarkozik" den mit Abstand intelligentesten und wahrscheinlich auch besten Track zu dieser Diskussion abliefert und dabei eine Sichtweise entwickelt, die sowohl den Gangster Rappern, als auch den weniger gesellschaftsfeindlichen Hip Hop Headz einleuchten sollte.
Vielleicht weil Sinik mit Hilfe von El Tunisiano (Sniper) bei "Un monde meilleur" für eine bessere Welt eintritt und die unterstützenden Piano Samples zwar erstmal melancholisch klingen, durch die Lyrics aber dann einen ganz anderen Klang verliehen bekommen. Mag sein, dass es auch einfach daran liegt, dass Sinik Themenbereiche in seinen Songs anspricht, die so noch nicht vorgetragen worden sind. Zum Beispiel "Demence", bei dem er den Wahnsinn nicht besser zeichnen könnte oder "Mon pre ennemi", bei dem er beweisst, dass es auch eine Stärke sein kann seine Schwächen zu kennen und sogar aus zu sprechen. Leider ist dieser Titel aber auch wieder ein Beispiel dafür, dass einige Songs nur dank Sinik und nicht wegen der Produktion funktionieren. Der Remix dagegen überzeugt auf ganzer Linie und die Mischung aus Sample Studie und Synthi Kurs kommt sehr gut zum tragen.
Vielleicht liegt es aber auch ganz einfach an Sinik`s Händchen dafür, einen Track zu schaffen, dessen Sound und Ausdrucksstärke locker an jeder Strassenecke bestehen kann und trotzdem ohne Frage Chart Potential besitzt. So wie "Ne dis jamais", mit Sicherheit die nächste Single und trotz Gesangshook und Part von Vitaa ein Werk aus der Kategorie Hardcore Rap.
Es ist wahrscheinlich auch hilfreich allen Kritikern, Hatern und Blendern direkt mit dem ersten Track "Dans Le Vif" allen Wind aus den Segeln zu nehmen, indem man kurz und bündig zu allem Stellung bezieht, was einem seit dem letzten Album so an den Kopf geworfen wurde. Egal ob der angedichtete Verlust des Hardcore Images oder Sinik`s Beziehung zu Diam`s, nach diesem Intro ist alles klar und ad acta gelegt.
Auch wenn Songs wie "Le mot de la fin", die gerade durch ihre pumpenden Beatläufe, oder Songs wie "Il faut toujours un drame", mit der Sinik typischen, manchmal schon beklemmenden Tiefe, für klare Highlights sorgen, der grosse Unterschied den Sinik ausmacht ist eigentlich perfekt am Beispiel von "Si proche des miens" fest zu machen.
Wer sonst könnte einen der wohl grössten Songs den die französische Hip Hop Geschichte jemals hervor gebracht hat covern, nämlich NTM`s "That`s my People", ohne Hohn und Spott zu ernten und dabei sogar noch eine ähnliche Gänsehaut verbreiten wie das Original? Und wer könnte dafür auch noch Kool Shen höchstpersönlich als Feature gewinnen? Na klar, Sinik und genau wegen solchen Ausnahmen ist auch "Sang Froid" wieder ein echtes Killer Album, auch wenn die routiniert guten Produktionen manchmal nicht mit dem Elan ihres Protagonisten mit halten können.