Bereits Dontcha`s Killer Single "La Rue c'est Bang Bang" aus dem Sommer 2005 hat angekündigt, dass der gebürtige Belgier keineswegs so weit weg vom Fenster ist, wie viele das gedacht haben. Das er aber auch eine solche Waffe in Langspielformat abliefern könnte haben ihm selbst die treuesten Fans nicht wirklich zugetraut. Denn genau das ist "Etat Brut": Ein Testosteron geladenes Machtwerk für das Dontcha eingentlich einen Waffenschein bräuchte.
Mann könnte denken, wenn man die überraschende Erfolgssingle aus dem Vorjahr zum Opener seines Albums macht, verschiesst man vielleicht sein ganzes Feuer gleich zu Beginn. Aber dem ist hier nicht so. "La Rue c'est bang bang" gibt nur, erneut eindrucksvoll, den Weg des Albums vor. Dontcha kommt von der Strasse, ist stolz darauf und redet auch gerne davon, kritisiert aber gleichzeitig den desolaten Zustand der Hip Hop Szene und deren Glorifizierung von Elend, Gewalt und Ungerechtigkeit. Seine Opfer sind nicht nur die Politiker, sondern auch die MCs und Gangsta (und/ oder Wanksta), die die Zustände in den Banlieue`s verherrlichen und Menschen wie Sarkozy damit zuspielen. Musikalisch wird das Ganze auf teilweise richtig Club taugliche PS Maschinen gespannt, die oft auch Freunde des weniger harten Raps gefallen dürften. "Ghetto Street" geht diesen Weg konsequent weiter. Trotz des simplen Samples stellt der Song seinen Energie versprühenden Vorgänger fast noch in den Schatten und die klatschenden Snaires wirken dabei wie der Beifall eines ganzes Viertels. Wer unantastbare Street Credibility geniesst und das Ganze mit so harten Worten wie Dontcha verpackt, wird keinen Street oder Hardcore Rap Fan vergraulen wenn er die Inhalte dieser Stilrichtung anprangert. Ganz im Gegenteil, er wird manche vielleicht sogar zum Nachdenken bringen. Wer sich dabei noch so schlagende Argumente wie die von Sinik & Diam`s sichert, kann gar nichts mehr falsch machen. Damit auch der Letzte mit bekommt, dass Dontcha aus harten Verhältnissen stammt, aus purer Erfahrung spricht und trotz der Kritik die Strassen von Paris mit voller Inbrunst representet, sorgt "Rap de Panam". Der dritte Banger in Folge. Besonders Dontcha`s ganz grosse Stärke, die Unterstreichung seiner Lyrics durch eine prägnante und sich sofort im Kopf einklinkende Hookline, kommt hier ganz deutlich zum Vorschein.
Zugegeben, der durchgehende Klassik Sample von "Rien a perdre" zeugt nicht gerade von Einfallssreichtum und wurde bereits 99 von La Cliqua ausgiebig ausgeschlachtet. Trotzdem bildet er hier den perfekten Teppich für perfektes Storytellin über ein Leben nah am Abgrund und das Dontcha das genauso gut rüber bringen kann, wie auf derbe Bounce Monster zu spitten, ist damit bewiesen.
Auch das Thema von Sweet Dreams wurde in der Vergangenheit bereits desöfteren von einigen Rap Produzenten aufgegriffen, so kraftvoll wie "Danja Danja" feat. Pit Baccardi & Jacky Brown waren die Versionen von zum Beispiel Kery James aber bei weitem nicht.
"Reste Trankil" ist ein weiterer Track der sowohl im Club, als auch auf der Strasse begeistern kann und auch wenn "La Perestroika" nur an der politischen Oberfläche des Titels kratzt, ist er, sicherlich auch dank des Killer Features von Tandem, ein weiteres Highlight.
"Bombe Retardement" und "C'est ma Zone" fallen etwas aus der Reihe, weil es sich hierbei "nur" um ganz vernünftige, übliche Street Rap Erzeugnisse handelt und auch wenn die Produktionen von "C'est Bordel" und "Street Lourd" nicht so reich an Überzeugungskraft sind wie der Rest der Trackliste von "Etat Brut", machen geniale Gast Parts von Lino und Calbo diesen Mangel wieder weg. Das ausgerechnet der letzte Song des Albums "C'est notre territoire" nochmal so richtig tief greift ist eine gelungene Überraschung und das die Problematik der Banlieue`s, bzw. der allgemeine, üble Umgang mit Menschenrechten nicht oft genug angesprochen werden kann ebenfalls.
Zum Abschluss wirft Dontcha nochmal alle 4 Live Mitschnitte seiner fast schon legendären Freestyle Clashs mit Zoxea ins Rennen und das der Wahl Pariser auch diese Form des Rap mit Bravour meistert, merkt der Hörer spätestens bei den Begeisterungsschreien des Publikums.
Dontcha Flex macht harten Street Rap, der im Gegensatz zu vielen anderen Releases dieser Art wesentlich weniger düster daher kommt und schlägt die inhaltlichen Schwächen dieser Gattung mit ihren eigenen Waffen. Das hohe Niveau von "Etat Brut" kann sich zwar nur etwa die Hälfte der Trackliste lang halten, aber das alleine reicht für ein Mörder Album.