BANLIEUE CHRONIQUES




Album:  Various Artists - Hostile 2006 .......................... Label:   Hostile .......................... VÖ:  Juni 2006

Wir schreiben das Jahr 1996 und der erste, heute legendäre, Hostile Sampler erscheint mit dem Anspruch, die kommende, führende Riege des Rap Geschäfts auf sich zu vereinen. Tatsächlich werden viele Teilnehmer wie Arsenik, Lunatic oder 2 Bal 2 Neg zu grossen Stars der Szene, die in den folgenden Jahren den Ton des Rap Francais bestimmen. Fast genau 10 Jahre später greift das Label dieses Konzept wieder auf und versammelt auf "Hostile 2006", die in seinen Augen heissesten Anwärter auf die zukünftige Hip Hop Krone.

Eröffnet wird der Reigen der hoffnungsvollen "Next Generation" von Tandem Member Mac Tyer. Mit seinem Track "Je parle à ceux" richtet er sich in gewohnt harter Gangart an die seinen, also an alle Bewohner der Pariser Banlieue's und das er einer der begabtesten MCs im Game ist, wissen wir nicht zuletzt seit seinem Producer Album. Afrikanische Trommeln pumpen die Orgel Sounds des Tracks in extatische Höhen und Mac Tyer flowt wie ein Weltmeister über die abwechslungsreichen Beat Pattern. Einzig die etwas an Kery James erinnernde Hook, die mehr gesprochen als gerappt ist, verdirbt das gute Gesamtbild des Songs, denn Mac Tyer versteht sich darauf nicht so gut wie das ehemalige Ideal J Mitglied. Die erste Single der Compilation "Arrêtez" bietet Produktionstechnisch nicht Neues. Kraftvolle und vielseitige Streicher bilden ein Konstrukt was zwar grund solide ist, aber auch schon vor 6 Jahren perfekt zu Azad`s "Napalm" gepasst hätte. Der bis dato recht unbekannte Rapper Despo'Rutti verleiht dem Ganzen, mit sicher sitzenden Punchlines und jeder Menge Energie, aber die fehlende Frische und kann den Ansprüchen des Samplers damit gerecht werden.

Der erste echte und unbestreitbare Hammer folgt mit Soprano`s "Moi j'ai pas". Der Beat ist mit seinen dramatischen Piano und Violin Samples zwar auch keine Erleuchtung, was der Kopf von Psy 4 de la Rime aber daraus macht, ist ganz grosse Klasse. Mit tiefen und sehr emotionalen Lyrics, verpackt mit einem Flow der sich profesioneller nicht anhören könnte, erzählt uns Soprano wer oder was er nicht ist. Zugeständnisse, wie dass er niemals so berühmt sein wird wie Fifty, niemals so fit an der MPC sein wird wie Dr. Dre, niemals ein so guter Freestyler sein wird wie Sinik oder niemals so hart sein wird wie die Jungs von Tandem, machen den Song zum vielleicht ehrlichsten Werk seit langer Zeit. Die Message, dass er eben nur er selbst ist, der kleine Junge aus Plan D'aou und damit trotzdem vieles erreichen kann, rückt den an sich melancholischen Song sogar noch in ein positives Licht. Salif's "Fais c'que t'as à faire" ist ohne Frage eine absolut runde Street Hymne, aber wie so oft kann man dem IV My People Mitglied vorwerfen, zu sehr nach Booba zu klingen.

Bei "Ecliptic music" geht die Produktion sicherlich nach vorne und auch Sams schiesst recht passable Lines um sich, allerdings kommt beim Hörer das Gefühl hoch, dass dieser Rapper wohl eher nicht die Laufbahn eines ganz Grossen einschlagen wird. Warum Disiz La Peste Homie und Fuck Dat Member Eloquence noch immer so tief im Underground herum krebst, versteht man nach seiner gelungenen Kriegs bzw. Gewalt-Kritik "Le bruit des armes" wieder einmal nicht und auch wenn Nubi's "Légendaire" jetzt keine seiner richtig krassen Waffen ist, auch dieser Track beweisst, dass dieser Junge sich mit diesen, kontinuirlich gespuckten Killer Punchlines, auf dem besten Wege an die Spitze befindet.

In der Kategorie "perfekt performte Tiefgründigkeit" ist Bakar schon jetzt ganz oben angekommen, wovon sich der Hörer bei "Ma mélancolie" erneut überzeugen kann. Die erste Überraschung von Hostile 2006 haben wir Jamal zu verdanken. Sein Beitrag "Cicatrices" unterstreicht das Potential was in ihm steckt und für einen bisher völlig ungehörten MC, ist das eine ganze Menge. Von Sefyu erhofft man sich verdammt viel, schliesslich halten viele Experten ihn für den heissesten Kandidaten um in die Fussstapfen von Arsenik oder Lunatic zu treten. Sein Track "Soumis" enttäuscht aber leider mehr, als dass er flasht. Klar geht Sefyu auch hier wieder ab wie ein Zäpfchen und sein düsteres Konzept, gepaart mit dem von ihm gerne benutzten Magazin durchladen als Beat Element, geht eigentlich auch auf, nur ist man eben schon verwöhnt, wenn es um das Level seiner Tracks geht.

Was Médine auf dieser Compilation verloren hat, erschliesst sich mir nur sehr schleierhaft. Denn der Mann aus Le Havre ist doch jetzt schon nahezu unschlagbar in Sachen Aggressivität, in punkto sozialkritischem Engagement und Soprano hat doch gerade noch in "Moi j'ai pas" verlauten lassen, dass er niemals so sein wird wie eben jener Din Records Vertreter. Médines "Game Over" ist einfach nur ein weiteres Brett - Fertig. Nahe an der Strasse angesiedelte, tiefe Zeilen von Keny Arkana bei "Un pavé de plus", beweisen weshalb der Female MC mittlerweile nicht mehr nur innerhalb des Planet Mars einen so guten Ruf geniesst und den vielleicht derbsten Banger dieser Compilation liefert Youssoupha mit "Scénario" ab. Wenn einem bei einer Trackliste mit konstant so hohem Niveau, gehalten von einem Rooster voller so talentierter Künstler, dieser Banger atestiert wird, sagt das doch eigentlich alles über die Skillz von Youssoupha aus...

James Izmad reiht sich mit "Attentat inattendu" spielend in diese hochrangige Folge von richtig guten Songs ein und TLF macht bei "Principes" den Fehler Rohff als Feature mit an Bord zu holen, den dieser stellt den Newcomer klar in den Schatten. Was sich Nessbeal mit "Emmuré vivant" gedacht hat, bleibt zumindest mir ein Rätsel, denn wenn man sein Potential besitzt, muss schon verdammt viel schief laufen, damit ein solch nervtötendes, sprich völlig misslungenes Ergebnis produziert wird. "Réflexion", der letzte Song der Compilation, ist dann mehr als Huldigung an die Vergangenheit zu verstehen, statt als ein Blick auf die Zukunft. Denn als aufstrebendes Mitglied der "Next Generation" kann man Doc T nun wirklich nicht bezeichnen, da dieser vor 10 Jahren mit 2 Bal schon am ersten Hostile Album beteiligt war. Über die Qualität sagt das allerdings nur wenig aus, denn sein Comeback spielt in der selben Liga wie die Werke seiner jüngeren Mitstreiter und den einmaligen Style von Doc hat man in dieser Ausgefeiltheit noch nicht gehört.

Auch wenn Hostile 2006 wahrscheinlich kein solcher Meilenstein werden dürfte wie sein Vorgänger, dieses Album ist ein absoluter Burner. Fast keine Schwächen in der Trackliste, fast ausschliesslich übertalentierte Artists die dem Hörer einen tighten Track nach dem anderen servieren und selbst bei aus der Reihe tanzenden Produktionen wie der von Nessbeal, blitzt noch das überdurchschnittliche Potenzial des Künstlers auf. Im Grunde hat sich hier fast jeder versammelt, dem man in Zukunft das zutrauen würde, was Arsenik oder Lunatic nach dem Sampler von 96 geschafft haben: Den Thron zu besteigen.

Autor: Maik Ritter




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