Album:  IAM - Saison 5 .......................... Label:   Polydor .......................... VÖ:  April 2007

Zeitreisen sollen nicht möglich sein ? Weit gefehlt. Denn die Jungs von IAM haben, mit ihrem fünften Album "Saison 5", nicht nur ein gelungenes Comeback angefertigt, sondern auch einen Weg gefunden, Zeit und Raum zu durchkreuzen. Ziel der lange geplanten Mission war es, die einst so weisse Weste von Akhenaton und Co, schändlich befleckt 2003 durch das ach so misslungene "Revoir un printemps", wieder rein zu waschen. Zur Umsetzung dieses Ziels mussten die Mitglieder von IAM ihrer eigenen Legende von 1997 wieder Leben ein hauchen, den Sound ihrer damals alles beherrschenden Ära wieder einfangen und ihn, back to the future, mit dem Klang der Moderne kombinieren. Versucht haben dies zuletzt nicht wenige, wirklich gelungen ist es aber nur IAM.

Wie sie das geschafft haben ? Ein Indiz mag es sein, dass, im Gegensatz zu 2003, wieder DJ Kheops alleiniger Schneider des IAMischen Leitfadens ist. Er hat seinen Kumpanen, mit "Une autre brique" und "Ca vient de la rue", zwei echte Street Banger als Vorab Auskoppelungen auf den Leib geschrieben, mit denen diese gekonnt um zu gehen wissen. Hätten IAM auf einmal einen auf Street gemacht, um in der Gunst der abgewanderten Hörer wieder zu steigen, sie hätten weitere, erhebliche Verluste erlitten. Das haben sie aber nicht getan. IAM üben sich in dem, was sie schon vor 10 Jahren am besten konnten: Perfekt verpackter Sozialkritik. Und diese kommt auch bei den jungen Headz besser an, als weitere, platte Gangster Attitüden.

Dazu kommt ein Shurik'n, der sein in die Jahre gekommenes Rap Ego anscheinend auf der Zeitreise zurück gelassen hat, um es in der Vergangenheit gegen das eines jungen, aufstrebenden Technikers ein zu tauschen. Oder wie ist es zu erklären, dass er so angriffslustig und hungrig wirkt, wie schon seit "Samourai" nicht mehr ? Vielleicht hat Imothep ihn die letzten Jahre in einen Käfig gesteckt, ihn mit rohem Fleisch und neuen Flows gefüttert, um ihn jetzt auf die überraschden Hörer los zu lassen. Aber auch Akhenaton hat im hohen Alter nochmal dazu gelernt. Denn wer hätte es ihm zugetraut, auf einen Ragga Riddim wie "Offishall" einer ist, völlig stolperfrei zu fliessen, als hätte er niemals etwas anderes gemacht ?

Generell scheint es IAM wichtig zu sein mit "Saison 5" zu beweisen, dass sie aus jedem Sound einen Gewinner machen können. Denn nicht nur Streetbanger und Riddims sind hier versammelt. Der Opener "W.W" nimmt alle alten Fans, kopfnickend und mit den einst so unerlässlichen, asiatischen Klängen der "Imperial Asiatic Men", mit auf die Reise in die Zeit und zieht auch neue Freunde an. "Hip Hop Ville" kann dank seiner clubigen Synthi Produktion auch die regierende Anti Back Packer Bewegung von den Vorzügen der Hip Hop Kultur überzeugen und sorgt mit intelligenten Breaks für weitere, gute Stimmung. Für ganze harte Nostalgiker dürfte der einnehmende Blaxpotation Joint "Tu le sais" genauso interessant sein, wie für New School Fanatiker, wofür wiederrum der Beatwechsel zur Hälfte des Songs verantwortlich ist. Leider hält sich Freeman auf dem Album mit Beiträgen sehr zurück. Dort wo er zu hören ist, hinterlässt aber auch er einen positiven Eindruck und vor allem bei äusserst deepen Songs, wie dem nachdenklichen "Nos heures de gloire", ist das Zusammenspiel der drei Rapper von IAM wie zu besten Zeiten.

Tief, kritisch, politisch und sehr erwachsen geht es auf "Saison 5" zu und deshalb sind in erster Linie die Inhalte der Lyrics auch die Stars des Albums. Egal ob "To the world", "Il en faut peu" oder "Si tu m’aimais": zu hören lohnt sich. Auch die in einem anderen Rap Francais Kosmos heran wachsenden Kids werden sich durch behandelte Themen wie bei "Au quartier" mit den alten Herren identifizieren können und in der Frage der Technik sind IAM, dank starken wenn auch manchmal etwas eintönigen Representern wie "Le style de l’homme libre", über fast alle Zweifel erhaben.

Sowohl was die Produktionen von Kheops, als auch was die Konzepte der Tracks angeht, gehören "Rap de droite" und "Rien de personnel" sicherlich zu den Höhepunkten der Trackliste. Die erstgenannte, in pumpende Synthis eingebettete, bitterböse Gesellschaftskritik von "Rap de droite" sollte vor allem in den Banlieues viel Output bekommen und die Abrechnung mit den ewigen Kritikern bei "Rien de personnel" sollte IAM selbst sehr am Herzen gelegen haben.

Ganz ohne Kritik kommen die Zeitreisenden Jungs aus Marseille aber doch nicht davon. Tracks wie "Sur les remparts" wirken, trotz des treibenden Beats und der besten Performance von Freeman, etwas hölzern und verlieren schnell das Interesse des Hörers. Ähnliches gilt für den wirklich amüsierenden Wortwitz von "Coupe le cake", der dem schwachen Experiment des wenig entertainenden Beats zum Opfer fällt. Am Ende werden alle Hörerschichten mit "United" aber tatsächlich wieder vereint, denn sowohl Conscious Style als auch Street Attitude werden, mit klaren Worten und hartem Sound, gleichermassen angesprochen.

Die Geschichte wiederholt sich also nicht immer. IAM haben aus ihren Fehlern von 2003 gelernt, in Sachen Rap Skillz sogar nochmal eine Schippe drauf gelegt und ihr Potenzial voll ausgeschöpft. "Saison 5" ist zwar mit Sicherheit kein unumstössliches Manifest wie es einst "L'ecole du micro d'argent" war, aber es hat die Schmach von "Revoir un printemps" nachhaltig ausradiert und beweisst, dass Shurik'n, Akhenaton, Freeman, Kheops uns Imothep auch 2007 noch ganz oben mit spielen können.

Autor: Maik Ritter




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