Album:  Joey Starr - Gare Au Jaguarr .......................... Label:   Sony BMG .......................... VÖ:  Oktober 2006

Viel einleitendes braucht man zu Joey Starr nicht zu sagen. Allein das Schlagwort NTM reicht aus um jedem Ungläubigen ein erleuchtetes "aaaahhhh" zu entringen. Seit über 15 Jahren ist der Jaguar nun schon eine der Lichtgestalten des Rap Francais und endlich dürfen wir sein erstes Solo Album begrüssen. Und was gab es da nicht für Geschichten im Vorfeld dieser VÖ. Der Track "Sarko" wurde erst offiziell in der Titelliste geführt, um direkt wieder herunter zu fliegen. Joey`s soziales Engagement, nach den jüngsten Banlieue Krawallen, legten viele so aus als wäre die einstige Skandalnudel jetzt ganz brav und politisch korrekt geworden und sein Debüt "Gare Au Jaguarr" musste nur eine Woche nach dem Release, wegen eines nicht geklärten Samples, vom Markt genommen werden um kurz darauf als "Nouvelle Edition" wieder zu erscheinen. Aber eines ist sicher: Joey Starr brüllt noch genauso laut und aggressiv wie früher.

Das hat bereits die im Internet grassierende, erste Auskoppelung "J'arrive" nachhaltig bewiesen. Auch wenn nach solch einer Einleitung ein Intro nicht mehr wirklich notwendig ist, treibt dieses die nach einem Jahrzehnt angesammelte Vorfreude des Hörers nochmal ein wenig höher. Was danach kommt ist das Geräusch eines kollektiven Seufzers der wohl nahezu kompletten Rap Francais Gemeinde. Denn "Métèque" ist einfach nur Balsam für die längst verstaubte NTM Seele. Harte aber tiefgreifende Lyrics, performt von einem Joey Starr der durchaus auch zu rappen und nicht nur zu schreien versteht und ein Beat der das "Thats my people" Feeling perfekt einfängt und in moderne Produktionsstandarts transportiert. "Bad Boy", die nicht immer ganz ernst gemeinte Stellungnahme eines einst berüchtigten Bad Boys zur momentanen, "bösen" Hip Hop Szene, könnte produktionstechnisch ein typischer Fitty Song sein und dass Joey Starr die letzten 5 Jahre mit einem Dancehall Sound System durch die Lande zog, ist bei "Hot Hot" nicht zu überhören.

Der erste Track, der nur vernünftig, nicht aber besonders ist, kommt mit "Soldat". Ganz nett, mit einem an sich guten Feature von B.O.S.S. Homie Fat Cap und gerade in der eigentlich psychopatischen Hookline versprüht Joey sein einnehmendes Charisma, aber der Sound ist und bleibt nur Durchschnitt. Die beiden Skits "Question 1 & 2" sind äusserst politisch motiviert und nehmen den vielleicht derbsten Song des Albums in die Zange. "Pose ton gun 2", der erste Teil stammt übrigens vom letzten NTM Longplayer aus dem Jahre 98, vermittelt mit feinster Ironie sozialkritische Inhalte und lockt trotzdem jeden Ragga Muffel auf die Tanzfläche. Jeder der das Video in Erinnerung hat, dürfte sich dazu von neuem vor Lachen bepissen. Auch wenn der geloopte Sample von "Chaque Seconde" ziemlich schräg ist, passt er doch perfekt zum Style der NTM Legende und der gesungene Refrain von D.Dy macht diesen Song zu einem der Kopfnicker des Albums und bietet auch noch hohe Charttauglichkeit.

"Cours" schafft eine aggressive Mischung aus Ragga und Hip Hop und was bei "Carnival" als recht langweilige und seltsame Rap Produktion beginnt, endet in einer ausufernden Soca Party. Wer Joey Starr schon immer nur als herum brüllenden Wahnsinnigen gesehen hat, wird sich beim Titelsong, den auch ein paar Insassen einer Psychatrie nicht besser hätten umsetzen können, absolut bestätigt fühlen. Das sehr elektronisch gehaltene "Cigarette Piégée" wechselt zur Halbzeit in einen richtig dreckigen Crunk Sound und der Synthi lastige Representer "93 Deboule" feat. Dadoo ist nicht nur der beste Rap Song des Albums, sondern bietet auch die derbsten Punchlines auf "Gare Au Jaguarr".

Am Ende macht Joey bei "The Jam" das was er am meisten liebt und gleichzeitig das, was er am besten kann: Mit einem dicken Sound System und ein paar Homies, in diesem Falle Nathy und Mr. Toma, die Party rocken. An diesem Album werden sich wahrscheinlich die Geister scheiden, an Joey Starr mit Sicherheit nicht. Denn selbst wenn man an dem sehr abwechslungsreichen Sound, der mit klassichen Hip Hop Beats, knallenden Dancehall Riddims, zeitgemässen Elektro Brechern oder völlig abstrakten Produktionen eigentlich alles zu bieten hat, keinen Gefallen finden kann, der unheimlichen Präsenz und dem alles überschattenden Charme von Monsieur Didier Morville kann sich kaum jemand entziehen. Ganz ehrlich, ein Solo Album von Joey Starr habe ich mir in all den Jahren genau so vorgestellt - total abgedreht und einfach nur gut.

Autor: Maik Ritter




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