Lino gehört bereits seit über 10 Jahren zu dem erlauchten, kleinen Kreis von MCs, die in Frankreich zu den talentiertesten und besten Wortakrobaten überhaupt gezählt werden. Er hat mit seiner Crew Ärsenik, die er zusammen mit seinem Bruder Calbo bildet, längst Rap Geschichte geschrieben und gilt in allen Banlieue`s sozusagen als Vater aller neu aufstrebenden "Ghetto Krieger".
Lino muss also niemandem etwas beweisen und niemandem zeigen, dass er auch Solo erfolgreich sein kann. Denn auch das war er schon auf unzähligen Compilations und als immer wieder gern gesehener Gast bei vielen Alben anderer Artists.
Sein erstes Album ohne seinen Partner Calbo konnte er also entspannt angehen und mit der "linoischen" Gelassenheit streifte er im Vorfeld jeden Druck von sich, den Erwartungen gerecht werden zu müssen, einen mindestens so guten Longplayer ab zu liefern, wie er es in der Vergangenheit mit Ärsenik vollbracht hatte.
Nun ist es endlich da, "Paradis Assassine", das Debüt Album von einer der grössten Lichtgestalten im französischen Rap Universum.
Mit "Interview", Track Nr.1, unterstreicht Lino direkt diese eine Tatsache, nämlich, dass er zurecht als einer der besten Spitter im Game gehandelt wird.
Aber das scheint Lino ohnehin selber zu wissen und so sind Battle oder Represent Themen auf "Paradis Assassine" eher selten gestreut. Monsieur Bors ist offensichtlich reifer geworden und im Gegensatz zu vielen älteren Ärsenik Sachen hört sich hier vieles wesentlich erwachsener an.
Lino schreibt tiefer, legt etwas mehr Wert auf den Inhalt als auf die Technik und beweisst mit Songs wie "Paradis Airlines" oder "Où les anges brûlent", dass er wohl der beste Storyteller diesseits und auch jenseits der Champs Elysee ist.
Textlich gesehen ist das Album mehr als abwechslungsreich und Lino bringt gut durchdachte Konzepte, wie zum Beispiel das von "95, Rue Borsalino". Von echten Hip Hop Hymnen wie "Le langage du coeur" feat. Wallen über intelligente Storyteller wie "Agent Dormant" bis hin zu Club tauglichen Partytracks wie "Braque Les Spots" feat. Jango Jack, Lino`s Themen Palette ist sehr gross und macht auf jedem Packet eine sichere Figur.
Auf "Paradis Assassine" wird mit Sicherheit nicht mehr soviel gespittet wie wir das aus Ärsenik Zeiten gewohnt sind, aber alleine das Punchline Gewitter "Première Catégorie", welches Lino mit seinem Bruder Calbo und Booba abfeuert, versorgt alle Battle Fans mit solch unglaublichen Bars, dass unmöglich ein Zweifel darüber aufkommen kann, dass Lino nicht immer noch jeden MC unter tosendem Applaus von der Stage fegen könnte.
Die Produktion des Albums ist nicht ganz so elektronisch gehalten, wie das in Paris gerade in Mode ist und an und für sich ist sie auch nicht besonders spektakulär. Trotzdem verdienen die teilweise sehr verspielten und facettenreichen Beats, die meist einer düsteren Gattung angehören, die Bezeichnung modern und das Prädikat gut, denn die wichtigste Aufgabe haben sie in jedem Fall erfüllt: MC Lino in jeder Situation perfekt in Szene zu setzen.
"Paradis Assassine" wird keinen solchen Kultstatus erreichen, wie ihn die beiden Ärsenik Alben inne haben, aber Lino hat das erreicht, was er erreichen wollte: Ein gutes Rap Album ab liefern.