Neochrome hat sich in den letzten Jahren als eines der fleissigsten und erfolgreichsten Indi Labels heraus kristallisiert und nachdem zuletzt fast alle Mitglieder ihre Solo Alben released hatten, will sich die Familie jetzt wieder vereint präsentieren. Unter diesem Motto steht der Opener "Enfant du beton". Was es hier auf die Ohren gibt ist mit dem Titel klar gestellt und warum Neochrome so viele Fans hat, lässt das Label Line Up schnell durch blicken.
Sämtliche Member machen mit heissen Punchlines einen ersten, sehr guten Eindruck und besonders Brasco's Lines bleiben einem noch länger im Ohr hängen. Das ehemalige Neo Zugpferd Sinik, mittlerweile zum Major abgewandert und längst zum Superstar aufgestiegen, legt mit "Reglement de compte" den nächsten Representer nach. Das klingt sehr nach "L'assassin", einem von Sinik's frühen Bangern und die Thematik ist diesselbe: Der Mann aus Ulis erinnert nur allzu gerne an seine Taten als Freestyle MC, bei denen er einen Gegner nach dem anderen zerstört. Ganz anders geht es beim ersten Solo Track "Venu en paix" von Brasco zu. Aus vielen harmonischen Sound Elementen, alle aus der organischen, klassischen Ecke, setzt sich der ruhige und melancholsiche Beat zusammen und bildet die perfekte Grundlage für die tiefen Zeilen Brasco's. Diese erzählen von einem Immigranten der in Frieden nach Frankreich kam und jetzt quasi in den Krieg befohlen wird. Das ist nicht nur inhaltlich ein Hammer, auch die Technik und der Flow beeindrucken und die Bitte nach einem Solo Joint von Mr. Brasco wird zumindest in meiner Kehle immer lauter. Seth Gueko's Beitrag "Guigui" legt da schon wieder eine wesentlich härtere Gangart ein. Aber auch wenn die synthetische Produktion und die Skillz des MCs zweifellos tight sind, die ewigen Scarface Anlehnungen und die Maschinengewehrsalven im Hintergrund gehen einem langsam wirklich auf die Nerven.
Die harten Lyrics von Brasco, Ades, Seth Gueko, Fis.L, Nakk und Loko verhindern derweil, dass "La rue dans le sang" auch im Club laufen könnte, denn die Gesangshook und die Produktion hätten diese Möglichkeit zugelassen. Nubi, ein im Underground derzeit schwer gehypter MC, der allerdings nicht bei Neochrome gesignt ist, beweisst warum er im Moment von so vielen Labels gejagt wird. Das Ex Futuristiq Mitglied feuert mit "Ma Planete" die nächste Bombe auf dieser bisher sehr gelungenen Compilation ab.
Die erste Schwächung des Kollektivs erfolgt aber auf dem Fusse, denn Loko entpuppt sich als das sofort höhrbare, schwache Glied in der bisher so überzeugenden Kette von Neochrome. Sein Style geht eigentlich gar nicht und die 0815 Produktion von "Dans l'biz" hilft ihm auch nicht wirklich sich besser in Szene zu setzen. Deshalb ist "Jaurais pu etre" ein ähnlicher Reinfall, weil Loko auch mit Unterstützung von Chris Taylor nicht tighter klingt.
Die beiden Solo Beiträge von Nakk haben eines gemeinsam: Sowohl "Une chanson triste", als auch "Ils disent" sind sehr tief blickende und ruhige Songs, die den Hörer durchaus zum nachdenken anregen können, trotzdem fehlt Beiden das gewisse Etwas, was wohl in der leicht einschläfernden Produktion zu suchen wäre. Zugegeben, die deepen und u.a. an Sarkozy gerichteten Zeilen von Ades bei "Generation qui a des couilles" sind wesentlich agressiver vorgetragen, aber hier passen die ausgewählten Samples wieder perfekt.
Auch wenn Sinik's zweiter Beitrag "A deux pas du periph" wahrscheinlich nicht einer seiner Besten Werke ist, nach dem gewohnten Killer Flow der mit dicken Punchlines nur so gespickt ist, sind wenigstens alle wieder wach, die nach den zuletzt eher durchschnittlichen Songs kurz eingenickt waren. Und der Weckruf geht weiter. Der zweite grosse Posse Track "La course a la maille" verdankt sein Feuer dem guten Zusammenspiel der verschiedenen MCs, deren sehr unterschiedliche Stylez sehr gut harmonieren und trotzdem erfrischend abwechslungsreich bleiben. Die Gäste Salif und EXS von Nysay haben sich ebenfalls richtig ins Zeug gelegt um auf Neochrome Hall Stars ihr Zeichen zu hinterlassen und die vielen aufgeworfenen Fragen von "Pourquoi tu te la racontes" können durchaus eine Duftmarke setzen.
Die Solos von N'Dal, Fis.L und Al.K-Pote sind sicher vernünftige Hip Hop Tracks, sicher professionelle Produktionen in denen alle drei ihr Talent beweisen können, aber eben auch nicht mehr als das. Al.K-Pote`s "Frissonez" hat dabei vielleicht noch am ehesten das Zeug um nachträglich die Meinung der Kritiker um zu stimmen.
Enden möchte ich mit den beiden Artists die mit ihren Beiträgen am meisten Begeisterung auslösen dürften. Denn auch der zweite Song von Nubi, "Engrenage", ist ein Treffer und die Nummer zwei von Brasco, "Ce que jai de meilleur", beweisst, dass dieser auch mit seichteren, absolut Chart tauglichen Konzepten um zu gehen weiss.
Die Neochrome Hall Stars Compilation beginnt mit energischem Sturm und Drang, fällt dann in eine leichte Depression und dreht am Ende nochmal richtig auf. Echte Burner sind zwar nur vereinzelt zu finden, ein Label welches aber soviele, fast ausschliesslich, hoch talentierte MCs in seinen Reihen aufweisst, braucht sich keine Sorgen um seine Zukunft zu machen.