Album:  Nessbeal - La mélodie des briques .......................... Label:   Nouvelle Donne .......................... VÖ:  März 2006

Lange, lange hat Nessbeal`s Fanbase auf sein Debüt warten müssen und eigentlich war die ganze Hip Hop Szene mehr als gespannt auf "La mélodie des briques". Denn im Vorfeld wurde Ness bereits zum nächsten Superstar auserchoren und zutrauen würde es ihm fast jeder, schliesslich waren seine vergangenen Auftritte an der Seite von Booba oder mit den Dicidens mehr als vielversprechend.

Wer allerdings geglaubt hat, auf Nessbeal`s erstem Album geht es ähnlich feierlich zu, wie auf Booba`s "Baby", dem Song der Ness quasi über Nacht in alle Soundsystems katapultiert hat, der sieht sich bereits im Intro über diese Fehlannahme aufgeklärt. "La mélodie des briques" ist dunkel, wo Nessbeal lebt scheint keine Sonne und der Sound ist finster und aggressiv. Klar könnte "Rap de Tess" mit seinen kraftvollen Synthi`s und der beliebten Handclap Snare auch im Club laufen. Aber die leicht soziophatisch angehauchten, harten Representer bzw. Battle Lyrics dürften dem gemeinen Party Volk doch eher hart aufstossen. Mit "L'oeil du mensonge" folgt ein echtes Highlight des Albums und gleichzeitig ein Track der äusserst repräsentativ für Nessbeals ganzen Release steht. Von vielseitigen, traurigen Geigen wird hier die Geschichte vieler Lügen vorgetragen. Von politischen Lügen bis hin zu denen, die man sich oft gerne selbst erzählt. Tiefste Bitterkeit spricht aus Nessbeals Worten und genau diesen Stil, diese Töne investiert er am meisten in seine Playlist. Der arabische Sound von "Loin du rivage" klingt schon etwas heiterer, die Lyrics bleiben aber nachdenklich. Denn mit Hilfe von Mohamed Lamine, der eine Gänsehaut verbreitende, ebenfalls in arabisch vorgetragene Hookline beisteuert, berichtet Nessbeal von seiner Heimat Marokko. Von dem manchmal auftauchenden Gefühl der Heimatlosigkeit eines Ausgewanderten, von der Sehnsucht nach seinen Wurzeln. Ähnlich deep geht es bei "10 000 Questions" und "Princess au regard triste" weiter, nur das diese Songs, trotz guter Konzepte, wenig überzeugen können. Während die von Nessbeal gestellten 10.000 Fragen unter dem wenig einfallsreichen Klassik Loop leiden, könnte "Princess au regard triste" zwar durchaus in der kommerziellen Welt der Charts bestehen, aber ein MC mit dem Charisma eines leicht Wahnsinnigen, hört sich auf diese seichtere Produktion irgendwie Fehl am Platz an. "Cellule autonome" zeigt endlich mal wieder die andere Seite von Nessbeal, nähmlich die des perversen Spitters. Auf treibende Trompeten und mit richtig derben Battle Lines macht Ness dem Hörer klar, dass er eine unabhängige Terrorzelle sein könnte und nach soviel Leid und Schmerz ist man dankbar mal wieder abschalten und einfach nur derbe Bars geniessen zu können. Damit ist es bei "Les larmes de ce monde" aber auch schon wieder vorbei, denn wer hier nicht konzentriert zuhört verpasst die Einsicht, dass es nicht nur in Frankreich Probleme gibt, sondern dass in Teilen der restlichen Welt wesentlich schlimmere Zustände herrschen.

Sicher ist Nessbeal ein extrem talentierter MC, der nicht nur vor Killer Punchlines und Wortwitz strotzende Tracks wie "Maroc sticky" abliefern kann, sondern der auch verdammt viele Themen anspricht, die weit über den kleinen Tellerrand von Rap blicken. Wenn er die dann noch so gut verpackt wie bei "Candidat au crime" oder "Funeste écriture" mögen Frohnaturen aufgrund des düsteren Sounds vielleicht aufheulen, aber so sicher umgesetzte, tiefe Tracks und Lyrics kann man eben schlecht mit lateinamerikanischen Salsa Rhythmen untermalen. Allerdings scheint Nessbeal bei anderen Klängen, die sich etwas weiter weg von seinem gewohnten Terrain bewegen, noch etwas wackelig auf den Beinen zu sein und so sind Lieder wie "16-08" oder "Peur d'aimer" in einem Stadium, dass noch viel Entwicklung braucht. Fans der Dicidens sollten, nicht nur dank des Features von Nessbeal`s Crew bei "Chute Libre", in jedem Fall auf ihre Kosten kommen und auch wenn Nessbeal mit Sicherheit noch nicht soweit ist, um in die Riege der absoluten Topstars auf zu steigen, "La mélodie des briques" ist ein gelungenes Debüt, auch wenn es für den ein oder anderen Hörer unter den Erwartungen bleiben wird.

Autor: Maik Ritter




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