Der Grossmeister ist zurück und ob man es nun glauben will oder nicht, Booba hat sich mit seinem dritten Longplayer "Ouest Side" mal wieder komplett neu erfunden. Das ruft in diesem Fall zwar auch einige Kritiker auf den Plan, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Mr. 92i einmal mehr ein richtig grosses Werk abgeliefert hat.
Das Intro "Mauvais garçon" verhält sich für Booba Verhältnisse sehr ruhig und zurückhaltend, ist aber nichts anderes als die oft zitierte Ruhe vor dem Sturm. Denn mit "Garde la peche" folgt direkt der erste Burner, der im Vorfeld bereits als Single ausgekoppelt wurde und mittlerweile schon zum Schlachtruf eines ganzes Viertels avanciert ist. "Le Duc de Boulogne" treibt dem Hörer dann ohne Gnade eine brutale Gänsehaut rund um die Ohren und beschränkt meinen Wortschatz auf die Vokabel "Feierabend". Die Produktion beweisst, dass auch ein recht simpel geloopter Sample der Marke mittelalterliches Kammerspiel noch eine echte Waffe sein kann und Booba zeigt deutlich, dass er seine Punchlines noch lange nicht verschossen hat und schiesst hier u.a. gegen die Ghetto Fab Gang scharf. Leider kann Booba und auch seine Helfer von u. a. den Animal Sons, dieses Niveau nicht immer halten und so sind Tracks wie "Boite vocale" oder "92 izi" feat. Malekal Morte nur schwache Leiendarsteller in einem Oscarreifen Hollywoodstreifen. Die zweite Single "Boulbi" oder der bereits vom Autopsie Mixtape bekannte Titelsong "Ouest Side" machen aber auch klar, dass selbst ein Booba sich noch neue Flows erschliessen kann und diese genauso treffsicher auf die klatschenden Snaires setzt wie seinen bekannten und sowieso kaum zu übertreffenden Rap Stil.
Gerade als der Hörer sich nach etwa der Hälfte der Trackliste über die bisher meist fehlenden, von Booba doch so geliebten Hardcore Synthi`s wundert, packt "Ouais ouais" eben diese in voller Pracht aus und macht den Song, auch dank der phänomenalen Zusammenarbeit von Booba und Tandem Member Mac Tyer, zu einem der derbsten Representer der letzten Jahre. Wer sich von "Pitbull" ähnliche Punchline Höhenflüge erwartet sieht sich, mit sehr nachdenklichen Zeilen und einem gefühlvoll eingespielten Piano zwar gettäuscht, lauscht aber dennoch positiv überrascht der eher selten aufkommenden, tiefen Seite von Booba.
Zusammen mit Kennedy erinnert er sich dann bei "Je me souviens" an Bilder aus der Vergangenheit und auch wenn der Beat nicht besonders viel her macht, geht der Song, dank eines gut vorgetragenen Konzeptes, voll in Ordnung. "Le météore" ist dann eines von den produktionstechnischen Experimenten, bei denen man nicht wirklich weiss, was man davon halten soll. Im Endeffekt flowt Booba aber erneut so genial über das gewöhnungsbedürftige Konstrukt, dass die Skillz des MCs dieses Teil doch noch in einen Winner verwandeln. Das der MC Booba sogar auf einem Bob Marley freundlichen Raggae Beat funktioniert, zeigt "Au bout des rêves" mit entsprechender Hookline von Trade Union. Solche Töne hatte man von Frankreichs Nummer Eins nun wirklich nicht erwartet und auch wenn es sich erstmal seltsam anhört, trägt die Liaison des Hardcore Rappers mit dem so fremd wirkenden Raggae Feeling tatsächlich Früchte.
Der klar auf Chart und vor allem auf Club getrimmte Akon Feature "Gun in hand" erfüllt seinen Zweck und schafft zwischen meist harten Rap Songs eine gute Abwechslung. Im Gegensatz dazu stehen die recht sanft und elektronisch verpackten, brachialgewaltigen Lyrics von "Au fond d’la classe". Der Song ist allein schon wegen dem Aufeinandertreffen von Booba und Demon One (Intouchable), also zwei der charismatischsten MCs der französischen Hip Hop Szene, eines der Highlights von "Ouest Side". Das letzte Experiment des Albums, der rocklastige Track "Couleur ébène", fordert dem Hip Hop Head dann doch ein wenig zuviel Offenheit in Sachen Sound ab und schlägt damit eher fehl.
"Ouest Side" ist kein von Anfang bis Ende gelungenes Machtwerk wie "Temps Mort" und führt auch keine so derben Aushängeschilder wie "Pantheon" mit "Numero 10" und "Baby" in der Trackliste auf. Trotzdem ist Booba`s neuester Opus ein vielseitiges und facettenreiches Album, dass den bekanntesten Vertreter von Boulogne, den wahrscheinlich immer noch besten MC im Game, in ganz neuem Licht zeigt.