BANLIEUE CHRONIQUES




Album:  Rocé - Identité En Crescendo .......................... Label:   No Format/ Universal .......................... VÖ:  Mai 2006

Rocé ist anders. Rocé geht seinen ganz eigenen, musikalischen Weg, Rocé zeigt Mut zu Experimenten. Eventuell wird er es genau deswegen schwer haben sich, in der derzeit sehr eingleissigen Rap Szene, durch zu setzen. Verdient hätte er das nicht, aber eigentlich ist Rocé gar nicht ausschliesslich auf die Hörerschaft aus dem Rap Lager angewiesen. Denn anders als die meisten Hip Hop Releases, wird sein neues Werk "Identité En Crescendo" auch in Jazz Kreisen seine Freunde finden und generell hat es, durch seine lyrische Kraft, die Chance in vielen Ohren hängen zu bleiben.

Eingeleitet wird sein zweites Album mit melancholischen Trompeten Klängen, die durchaus auch auf einem Rap verwandteren Longplayer ihren Uhrsprung haben könnten und auch die politische Stellungnahme zur Lage in Frankreich passt in die momentane Diskussionsrunde der Hip Hop Szene. Nur das Rocé das Thema weniger radikal, aber wesentlich sachlicher angeht. Der echte Jazz Groove von "Amitié et amertume" vertreibt dann aber allen Stress und Ärger und auch wenn die guten Storyteller Raps von Rocé nicht durchweg nur Positives behandeln, die Erzählweise entspannt den Hörer und lässt ihn interessiert lauschen.

Das "Identité En Crescendo" in einer ganz anderen Liga spielt, zeigt erstmals "Seul". Denn dieses Stück ist nichts anderes, als ein zwei Minuten langer, poetischer Vortrag, der nur ab und an, durch eine verhaltene Trompete, einen musikalischen Beitrag enthält. Die Kraft der Lyrik wird ebenfalls bei "Le métèque" und "Appris par coeur" ganz gross geschrieben. Der geloopte Funk Sample von "Le métèque" wirkt auf Dauer zwar ein wenig eintönig, dafür bietet "Appris par coeur" mit Bass Solos und vielen Verspieltheiten eine weite Klangfarbe.

"Ma saleté d'espérance" ist einer der Highlights auf "Identité En Crescendo". Mit den ersten Tönen fühlt man sich sofort in eine verrauchte Jazzkneipe versetzt, in der man den intelligenten und tiefen Lyrics des Künstlers, etwas verträumt, zuhört und sich über das gute Spiel zwischen Lyricist und Pianist freut. Die Produktion von "Des problèmes de mémoire" ist weniger überzeugend, kann aber durch teilweise sehr ironische Zeilen von Rocé trotzdem punkten. "L'un et le multiple" wird alle Jazzer, mit seinen vielen Instrumenten und Soundquellen, sofort gefangen nehmen und die hier vorgetragenen Lines sind ganz einfach nur tiefsinnige Kunst.

"Les fouliens" bietet dann echten Jazz der alten Schule, in denen Rocé's Band recht ungeordnet und konfus drauf los jamt, eine Art der Musik, die wohl nur ein wahrer Jazz Fan wirklich verstehen kann. Bei "Ce que personne n'entend vraiment" bin ich wieder in der Kneipe angekommen, sitze Gedanken verloren an der Bar und lasse mich von Rocé in dessen Welt entführen. "Aux nomades de l'intérieur" klingt, wie der Titel es schon verrät, sehr orientalisch und auch wenn viele Hip Hop Headz hier schnell den Begriff "Off Beat" einwerfen werden, dass macht schon alles Sinn was Rocé hier veranstaltet. Fast hypnotisch erscheint dem Hörer dieser Track und zumindest mir fällt es, bei genauem Hinhören, schwer wieder einen klaren Gedanken zu fassen.

"Besoins d'oxygène" beginnt sehr langsam und ruhig und baut sich dann, mit immer mehr einsteigenden Sound Elementen, zu einem wahren Wirwarr an den verschiedensten Instrumenten auf und verleiht dem Rap von Rocé, der verzweifelt nach mehr Luft verlangt, noch mehr Ausdruckskraft. Der abschliessende Titelsong "Identité en crescendo" läuft völlig Instrumental ab und bietet der Band, wie zum Ende eines guten Konzerts, noch einmal die Chance sich ausgiebig vor zu stellen und zu verabschieden.

Das Album von Rocé ist weit mehr als "nur" herrkömmlicher Hip Hop und wer Rap bezogene Inhalte oder gar Battle Punchlines sucht, ist hier an der ganz falschen Adresse. "Identité en crescendo" bietet sehr viel Jazz, Poesie und Funk, das Ganze gepaart mit einem MC, der sein Handwerk versteht und der Musik an sich viel Platz zur freien Entfaltung lässt. Vielleicht ist dieses Werk für den normalen Hip Hop Hörer zu künstlerisch, vielleicht auch zu erwachsen. Aber wenn Rocé mit diesem Sound sogar einen eigentlich intoleranten Rap Fanatiker, wie den Autor dieses Reviews, beeindrucken kann, dann sollte er sich keine Sorgen machen auch in der Hip Hop Szene seine Anhänger zu finden. Ich empfehle jedem sich einfach mal im Selbstversuch auf dieses Experiment ein zu lassen.

Autor: Maik Ritter




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