Wer hätte gedacht, dass Salif noch einmal einen solchen Hype auslösen würde ? Darauf gewettet hätten jedenfalls die Wenigsten. Natürlich wissen wir, dass der Mann aus Boulogne rappen kann. Aber sein Debüt liegt bereits 6 Jahre zurück und auch wenn er zu einem der beliebtesten Artists des ehemaligen IV My People Camps gehörte, war der Buzz um seine Person längst abgeflaut. Spätestens seit dem Release seiner Crew Nysay über Neochrome im letzten Jahr, hat sich das aber grundlegend verändert. Denn was folgte war ein hoch dotierter Major Deal bei Universal und nun ein Street Album, welches ihn, nach beinahe 10 Jahren im Rap Business, in eine Position bringt, die einen Angriff auf die Spitze des Games darchaus möglich macht.
Bereits die Produktion des Einstiegs "YoYo" ist eine sound gewordene Drohung. Eine furchteinflössende Basslinie unterstützt die düsteren Klassik Samples ideal und die Lyrics und vor allem der Flow von Salif, legen schon jetzt die Vermutung nahe, dass sich da jemand aufmacht, der neue König der Strassen zu werden. Die perfide Mischung aus messerscharfen Synthis und einem Rapper der zu jeder Zeit so präsent ist, wie man es nur einem ganz Grossen zuschreibt, macht "Remballe" zu einem echten Burner. Die mit Psy 4 de la Rime Member Alonzo performte Verbrüderung von Paris und Marseille bei "Macadam Flight", dürfte sogar den ein oder anderen Planet Mars Hardliner auf die Seite des Boulogne Boys ziehen. In Boulogne selbst wird man die Nachrichtenmeldungen über das Viertel in "92 FM" mit Sicherheit als Hymne feiern und auch wenn der Song dank seiner Gesangshook kommerziell verwertbar erscheint, verliert weder der Beat, noch Salif auch nur einen Hauch der bisherigen, musikalischen Härte.
Mit "Rue et argent sale" explodiert gleich der nächste Street Banger, dessen stählerne Dirty South Produktion auch ein Booba oder ein Rohff nicht besser hätte verwerten können. Die Geigen von "Ghetto Youth" lassen böses erahnen und der Hörer fragt sich, wann er das letzte Mal in Folge soviele Tracks, im Kostüm eines Killers, zu hören bekam. Die Tatsache, dass Salif für diese Videosingle von Kritikern, Artists und den Heads gleichermassen bescheinigt bekomment hat, dass selten jemand die Einstellung der Kids und das Leben der Menschen in den Banlieues so präzise und authentisch auf den Punkt gebracht hat, unterstreicht seine stetig anwachsende Rolle in diesem Spiel.
Der Blick zurück auf eine harte Kindheit, mit dem sich wahrscheinlich 99 Prozent der Einwanderer in Frankreich identifizieren können, legt bei "Enfance gachée", durch einen melancholischen Pianolauf und traurige Gitarren Riffs, einen Schatten auf das Herz des Hörers, der damit auch Salif's Reputation in Sachen Tiefgang untermauert. Mit "Jeunesse 2007" hat dieser Song einen Seelenverwandten auf dem Album, nur mit dem Unterschied, dass dieser Track nicht die Vergangenheit, sondern die triste Gegenwart der Jugendlichen in den Cités beschreibt. Aber Salif lässt den Kopf nicht hängen und verscheucht mit dem Titelsong "Boulogne Boy", einer zumindest produktionstechnischen Reminiszenz an Lil Jon und die East Side Boyz, allen Trübsal. Für die deutschen Hörer wirkt die Hook allerdings etwas verstörend, da sich der "Boulogne Boy" Ausruf schnell nach "Bullen Boy" anhört....
"Boulevard de la prison" sorgt nicht nur wegen seines abstrakten und mit viel Boom Bap beseelten Soundgerüstes für gelungene Abwechslung, sondern outet sich vor allem wegen des guten Konzeptes und dem Killer Feature von TLF als weiteres Highlight. Zum ersten Mal etwas ruhiger wird es bei "Paquebot". Zwar treibt der Beatlauf den Hörer weiter an, aber man könnte den Song durchaus als chartkompatible Ballade ausweisen, was in erster Linie auf den Beitrag von J.mi Sissoko zurück zu führen ist. Nicht nur Salif's Bosse von Universal werden gerne hören, dass ihm auch dieser Sound gut zu Gesicht steht. "Majeur" ist ein weiterer Hood Representer, der nur aufgrund der extremen Schlagkraft seiner Vorgänger etwas abfällt und mit dem langsamen und traurigen "Spéciale Dédicace", setzt Salif einen sehr persönlichen und gesellschaftskritischen Höhepunkt ans Ende der Trackliste.
Nachdem äusserst durchdachten Outro, welches sich überraschend in Spoken Word Manier präsentiert, ist der Hörer um ein verdammt starkes Street Album reicher und hat die Einsicht erlangt, dass der Hype um Salif mehr als gerecht fertigt ist. Er besteht die Prüfung auf verschiedensten Produktionen, die im übrigen grösstenteils aus dem Hause Neochrome kommen, mit Bestnoten und wer mit "Ghetto Youth" einen der besten Street Banger des Jahres auf dem Album hat, der aufgrund des konstant hohen Niveaus aber nicht wirklich hervor sticht, kann für die Zukunft wahrlich grosses planen. Natürlich ist "Boulogne Boy" durchweg düster. Natürlich hat Salif nicht viel positives zu erzählen. Aber mal ehrlich, gibt das Grund zur Kritik ? Genau dieser Sound tütet den aktuellen Zeitgeist des Rap Francais perfekt ein und Grund zum klagen gibt es in den Banlieue's von Frankreich genug. Kritiker mögen sagen, dass Salif den Style von Booba bitet, aber hier sei darauf verwiesen, dass Salif schon seit Ende der 90er diesen Slang, diese Stimme und diesen Style hat. Er hat ihn im Laufe der Zeit einfach nur perfektioniert. "Boulogne Boy" hat fast keine Schwächen und ist ohne Umschweife das überzeugenste Street Album des noch jungen Jahres.