BANLIEUE CHRONIQUES




Album:  Sefyu - Qui suis je ? .......................... Label:   Because .......................... VÖ:  April 2006

Ausnahmsweise werde ich heute mal mit allen Gesetzen des Reviewschreibens brechen und das Fazit zu diesem Release gleich zu Beginn loswerden: Sefyu ist einer der imposantesten und talentiertesten MCs im Game und sein Album "Qui suis je ?" ist mit absoluter Sicherheit eines der beeindruckensten Debüts der letzten 5 Jahre. Viele Kritiker vergleichen ihn schon jetzt mit Booba und dabei schlägt der senegalesische Dialekt bei Sefyu noch viel mehr durch als bei seinem Landsmann aus Boulogne. Dazu ist dieser Typ mit einem Bass in der Stimme und einer fast schon unheimlichen Präsenz ausgestattet, mit Eigenschaften also, die ihn quasi prädistinieren für diesen Job.

Schon das Intro zeigt, dass "Qui suis je ?" einfach etwas anders ist. Der Beatlauf könnte locker jeden Club Banger unterstützen und erinnert ein wenig an Cassidy`s "I'm a hustla", der Track geht trotzdem ganz andere Wege und kommt mit Klassik Samples und im Hintergrund laufenden Chorgesängen sehr ernst und finster rüber. Worum es Sefyu in seinem Erstlingswerk geht legt er sofort dar. Er will Terror, musikalischen Terror um die Welt auf zu wecken. Ihm geht es um die Banlieue`s, um Afrika, um weltweite, allgemeine Ungerechtigkeit. Politisch korrekt geht es dabei keineswegs immer zu, denn egal wie gut gemeint die Sozialkritik ist, Vergleiche mit El Sarkawi stossen unangenehm auf. Aber genau das will Sefyu. Anecken, aufmerksam machen.

Mit "En live de la cave" malt Sefyu das wahrscheinlich düsterste Bild eines Banlieue Bewohners, welches jemals gezeichnet wurde und das er keineswegs mit all den Gangstern aus seinem Viertel konform geht, beweisen Aussagen wie das seine Gereration eine "unwissende X Box Generation" sei. Die Produktion dürfte dabei, mit nahezu null komma null Melodie und dem nachladen eines Pistolen Magazins als fast einzigem Beat Element, sogar manchem Hardcore Rap Fan zu hart klingen. Das macht den Track zwar irgendwie schwer erträglich, aber auch das passt genau in das Konzept dieses Songs. Das Nachladen des Magazins bleibt uns bei "Senegalo-Ruskov" erhalten, nur das der Beat diesmal ein echter Banger ist. Mit der ersten Sekunde nickt der Kopf zu saftigen Sythis und auch die schwer zu beschreibenden, aber einfach nur derben Hihats, hat man so noch nie gehört und erinnern ein wenig an das Soundgenie eines Jaylib.

Mit "La Legende", der ersten Single des Albums, folgt ein weiterer Burner, der wie alle Tracks von Sefyu`s aggressivem und einfach nur tightem Flow getragen werden und würde er die mehrstimmige Hook mit seinen Kollegen auf der Strasse skandieren, viele würden sich vor Angst abwenden. Auf dieses Mittel, den Refrain mal eben in eine fast schon gegröllte Parole zu verwandeln, greift Sefyu auch bei "Musculation" zurück und obwohl der durchgehende Sample sich wie eine schrille Sirene, die das Ende er Welt ankündigt, anhört, dieses Teil ist ein weiterer Killer. Gerade die Mischung aus ungewöhnlichen, teilweise schrägen und fast schon krankhaften Sounds, die es nur im Underground geben kann und Beatgerüsten, die ausgefallener kaum sein und locker jeden US Chart Hit begleiten könnten, macht die Faszination der Produktionen von "Qui suis je ?" aus.

Ein erneutes Beispiel für dieses Erfolgsrezept ist "L'ennemi". Dunkle, orientalische Sounds und Gesänge gemischt mit pumpenden Club Basslinien ergänzen sich perfekt und das Sefyu auch ein verdammt guter Storyteller ist, ist mit diesem Monster ebenfalls bewiesen. Trotz nicer Hookline von R'n'B Queen Sana, sollte selbst dieser, für Sefyu Verhältnisse eigentlich recht softe Track, zu hart für den Mainstream sein. Das gilt auch für Battle Tracks wie "Biff" oder "Electrochock", in denen Sefyu seine technischen Skillz in den Vordergrund stellt und damit auch dieses letzte Metier perfekt abgesteckt.

Einer der grossen Highlights des Albums ist mit Sicherheit die zweite Single "La vie qui va avec". Nicht nur weil der Beat so richtig bumst, nicht nur weil das Konzept ein richtig gutes ist und nicht nur weil der Feature von Kuamen voll überzeugt. Vor allen Dingen weil Sefyu hier sehr eindrucksvoll seine Sozialkritik verpackt und trotzdem nichts an Technik einbüsst. "La vie qui va avec" ist, wie so oft, schwer ins deutsche zu übersetzen, aber man kann vielleicht sagen, das Konzept des Songs ist: "Wo das eine ist, ist das andere nicht weit". So ist, laut Sefyu, die Diskussion über das Leid in vielen Teilen Afrikas gleich zu setzen mit der Schuld Frankreichs oder, im negativen Sinne, die Diskussion über Terrorismus dasselbe wie ein Gespräch über den Islam. Auch wenn Sefyu selbst hier niemals vergisst sein Banlieue zu representen, von der allgemeinen Ghetto Mentalität ist er weit entfernt und auch wenn er, wie soviele andere, ebenfalls Scarface rezetiert, hört sich das bei ihm so an: "Tony hatte einen Traum, aber der Albtraum war nicht weit weg".

Auch wenn Songs wie "Tu n'valais pas mieux..." oder "Un point c tout" feat. Mina, Sana und Zaho, textlich betrachtet sehr anspruchsvoll sind und deswegen so gar nicht auf eine Tanzfläche passen wollen, die Produktionen können locker jeden Club erobern und diesmal nicht nur wegen dem Beatgerüst. An Härte verlieren die Tracks dabei überhaupt nicht, denn selbst wenn sich Sefyu wie bei "Un point c tout" sehr zurück halt und den Sängerinnen das Feld überlässt, ein kurzer Einwurf von ihm reicht und der Hörer weiss sofort wo dieser Track an zu siedeln ist.

Natürlich hat auch "Qui suis je ?" einige Schwächen in der Trackliste und so sind mindestens 5-6 Songs nichts weiter als durchschnittlicher Hardcore Rap, wobei Sefyu selbst den schlechteren Stücken noch einen gewissen Glanz verpassen kann. Aber was macht das schon bei so vielen Burnern, was macht das schon bei Tracks wie "Pôle nord", in dem auch Sefyu`s Crew NCC bzw. G8 sich richtig gut in Szene setzen kann ? Gar nichts. Sefyu`s Debüt Album ist nicht nur auf einem sehr interessanten, sondern auch auf einem sehr hohen Produktionslevel und ein MC mit sovielen Stärken, der solch intelligente Konzepte entwickelt und ausserdem noch ein respektables Wissen über zum Beispiel den schwarzen Kontinent besitzt und deshalb dort weiter texten kann wo andere nur noch andeuten können, kann gar nicht viel falsch machen. Sefyu gehört die Zukunft.

Autor: Maik Ritter




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