Album:  Sinik - La Main Sur Le Coeur .......................... Label:   Up Music .......................... VÖ:  25 Januar 2005

Bevor man über das Debüt Album von Sinik resümiert, sollte man vielleicht ein paar Worte über den Menschen hinter dem Mic verlieren. Der 24 jährige Pariser Sinik kommt aus der sehr respektierten und fast schon gefürchteten Underground Crew 609. Sein Lächeln versprüht in etwa den Charme eines Schlachtermeisters der gerade eine Viehweide entdeckt hat und der MC, der einen noch übertriebeneren Stiernacken als Sinik besitzt, muss erst noch geboren werden. Ohne diesen Background und ohne dieses Aussehen, würde es Sinik vielleicht wesentlich schwerer fallen seine harten Worte so treffsicher an den Mann zu bringen.

Mit einer Street Credibility ausgestattet, die kaum jemand in Frankreich vor zu weisen hat, zog er bereits 2004 aus, um Rap Frankreich im Sturm zu erobern. Schon damals, als sein in Eigenproduktion verbreitetes Street Album "En attendant" in kürzester Zeit über 10.000 Kopien absetzte, wurde er von der französischen Fachpresse zum ersten, ernsthaften Rivalen auserkoren, der Booba von seinem Thron, als Chef im Rap Game, stürzen könnte. Seine kurz darauf folgende Single "Artiste Triste" war ebenfalls ein Renner und wie passend der Titel im Bezug auf Sinik ist, wird jeder sofort merken der seine Lyrics zu hören bekommt.

Dementsprechend hohe Erwartungen lagen auf Sinik, jetzt mit einem Majordeal versehen, als er nun sein offizielles Debüt Album "La main sur le coeur" veröffentlichte. Gut, der Beat von seinem Eröffnungstrack "Une époque formidable" ist keine Offenbarung und einige Synthi Sounds erinnern sogar eher an einen schlechten Techno Song als an Rap. Aber das gerät, dank Sinik, wieder in Vergessenheit. Denn schnell stellt der Hörer fest, dass der MC seine Hausaufgaben in Sachen Skillz gemacht hat und mit einer Aggressivität und Traurigkeit die seines gleichen sucht, zeigt er gleich worum es bei diesem Album gehen wird: Um das, aus seiner Sicht, so wunderbare Zeitalter in dem wir alle Leben. Ohne die Wut und den Schmerz in seiner Stimme zu verlieren, definiert er den schwarzen Humor neu. Sinik ist ein Zyniker aller erster Güte.

Auch der zweite Track "2 victimes 1 coupable" bietet erst mal ein alt bekanntes Muster. Ein stimmungsvoller Geigensample, der sich bei der Hook mit einem ganzen Orchester verstärkt. Aber wieder fängt Sinik an zu erzählen, in diesem Fall über Bush und Co, und es scheint, als hätte es noch nie einen Track gegeben, dessen, zugegebener maßen, einfache Atmosphäre so gut zu den Worten des MCs passt. Als mit "Mots pour maux" der dritte Song anfängt, frage ich mich ob es wirklich sein kann, dass Sinik hier den Beatlauf von Queens "we will rock you" gesampelt hat. Dies ist tatsächlich der Fall, aber im Gegensatz zu meinen Erwartungen, funktioniert das richtig gut. Einige Synthesizer Klänge später punktet zum ersten Mal der Beat auch ohne die Hilfe von Sinik.

Anschließend bleibt mir bei "Viens" nichts anderes übrig als 3:50 Minuten mit dem Kopf zu nicken und mir dabei Gedanken über die deepen Lyrics zu machen. Bei "Rêves et cauchemars" (Träume und Albträume) muss ich feststellen, dass dieses Album auch einen potentiellen Chart Hit hat, der sich trotz aller Melancholie und trotz Gesangshook, immer noch mehr nach "Straße anhört, als so mancher Track, von so manchem MC, der sich diese Bezeichnung auf die Stirn tätowiert hat. Spätestens bei "Le même sang" wird mir klar, dass dieses Album einen ganz besonderen Platz in meinem Plattenregal verdient hat. Nicht weil der solide Klaviersample mich vom Hocker reisst, sondern weil das Zusammenspiel von Sinik und Diam`s einfach nur genial ist und Diam`s einmal mehr unterstreicht, dass sie die unangefochtene First Lady des Rap ist.

Den klassischen Sample von "Règlement extérieur" kenne ich zwar noch von KC Da Rokee, lasse ihn mir aber gerne noch einmal gefallen, besonders dann, wenn mir Sinik darauf die "wahren" Artikel des Grundgesetzes näher bringt. "Rue du paradis" schleicht sich mit einem freundlich und hoffnungsvoll klingendem Beat ans Ohr, um einem dann klar zu machen, dass Sinik wohl der traurigste Mensch der Welt ist. Hört sich lustig an, ist es aber nicht. Ohne sich irgendwelcher Klischees zu bedienen, zeichnet Sinik ein Bild seiner Seele, die anscheinend zu sensibel ist, um mit dieser "wunderbaren" Welt im Einklang zu leben. 2 Minuten später ist bei "L'assassin" nichts mehr übrig von Sinik`s weichem Kern und er kickt die derbsten Punchlines, die ich seit langem gehört habe und schafft den Eindruck, dass es nur wenige MCs geben kann, die ihm battle technisch gewachsen sind.

Nach 16 Tracks überfällt mich der Drang diesen Longplayer direkt noch einmal zu hören und das am Besten mit einem Wörterbuch, damit mir auch ja keine Punchline und kein Denkanstoss entgeht. Natürlich hat auch dieses Album seine Schwächen, aber mit dem viel zu hektischen Synthesizer Monster "Men in block" schliesst sich auch schon die Reihe der Tracks, die sowohl musikalisch als auch textlich gesehen wenig zu bieten haben. Dieses Album hebt sich schon deshalb von allen anderen neuen Releases ab, weil es inhaltlich ein ganz anderen Weg einschlägt und das Niveau der Texte ziemlich hoch angelegt ist.

Sinik stellt interessante Fragen, gibt teilweise selbst intelligente Antworten und verpackt anspruchsvolle Lyrics mit sehr harten Worten. Seine Schwarzmalerei und seine Traurigkeit sind zwar streckenweise so bedrückend, dass man glaubt in tiefe Depressionen verfallen zu müssen wenn man sich das noch weiter an tut, trotzdem kann man sich nur sehr schwer den Erzählungen von Sinik entziehen und wem der Inhalt zu viel wird, der belässt es dabei, einfach nur zu den guten Rap Songs mit dem Kopf zu nicken. Sowohl Verfechter der early 90`s, als auch deren gähnende Widersacher, werden dem Sound von Sinik`s Debüt mehr als nur etwas abgewinnen können.

Sicher ist, dass der "Artiste Triste" mit der Schilderung seines düsteren Weltbildes sogar die härteste Frohnatur auf Extasy noch in eine tiefe Sinnkrise stürzen kann. Ob das allerdings eine gute oder schlechte Eigenschaft ist, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Sicher ist aber auch, dass es nicht viele MCs in Frankreich gibt, die die Qualität eines Sinik vorweisen können. Zwar sollte man dieses Album manisch depressiven besser vor enthalten, aber alle anderen, egal ob Battle Fanatiker oder Deepness Fans, sollten sich "La main sur le coeur" in jedem Fall nicht entgehen lassen.

Autor: Maik Ritter




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