Fast genau drei Jahre ist es her, dass die Jungs von Sniper mit "Gravé dans la roche", einem der erfolgreichsten Hip Hop Alben Frankreichs, Musikgeschichte geschrieben haben. Fast ebenso lange stehen sie wegen demselben Werk vor Gericht, denn ihre Aussagen zur politischen Situation in Frankreich oder ihre Meinung zum ewigen Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis, bringt einerseits Sarkozy und andererseits die jüdische Organisation UPJF auf die Barrikaden. Aber Sniper gewinnen die Prozesse und verschaffen sich nun, mit ihrem dritten Longplayer "Trait Pour Trait" wieder einmal Luft.
Die Zeit ist nicht spurlos an Sniper vorbei gezogen und so sind die Drei doch hörbar erwachsener geworden, auch wenn das keineswegs bedeutet, dass sie deswegen leiser sind als noch 2003.
Der erste Song "S.N.I" stellt unter Beweis, dass sie ihre Meinung weiterhin lautstark zum Besten geben und ausserdem ist er ein mitreissender, erster Track, ganz nach dem Credo "wir sind wieder da". Trotzdem zeigt der melancholische und mit Vocal Sample ausstaffierte Nachfolger "Dans mon monde", dass Sniper sich nicht mehr nur damit zufrieden geben, die Ungerechtigkeiten dieser Welt einfach auszurufen, sondern dass sie nun auch den ein oder anderen Lösungsansatz im Hinterkopf haben. Der Titelsong "Trait Pour Trait" verspricht zuerst, mit ruhigen Gitarren Sounds, eine langsame Ballade zu werden, doch der erste Eindruck ist nichts als Täuschung. Denn wenn der Beat einsetzt, ist das als ob sich ein schnaufender Zug unaufhaltsam in Bewegung setzt und die präsentierte Selbstreflektion der letzten Jahre fährt einem genauso unter die Haut, wie die gute Produktion.
"El Dorado" steht in echter Sniper Tradition, denn diese bleibt unverändert: Nichts machen die Jungs lieber als Dramen über das manchmal so harte Leben, über menschliche Tragödien zu schreiben und auch ihre unschlagbare Formel, straighte und raue Punchlines von Aketo und El Tunisiano, gepaart mit gefühlvollen und melodischen Einlagen von Black Renega, hat rein gar nichts von ihrer Anziehungskraft verloren.
Vor allem, dass sich eben jener Black Renega auf "Trait Pour Trait" mal so richtig austoben darf, macht das Album wesentlich vielseitiger als seine Vorgänger und bringt mit Tracks wie "Zamalia" echtes Dancehall Feeling mit ins Spiel. "Generation Tanguy" ist die perfekte, musikalische, verallgemeinerte Umsetzung des französischen Filmklassikers, der sich um einen jungen Mann dreht, der das Nest seines Elternhauses einfach nicht verlassen will. Mutter und Vater drehen durch und werden zu Verschwörern um diesen nervenden Kerl endlich los zu werden. Das Konzept von Sniper ist der Hammer, nur leider ist der Beat bei weitem kein solcher Burner wie ihre durchdachten Lyrics.
Das Sniper wirklich alles geben hört man bei "Donne tout", der locker in allen Clubs die Tanzflächen füllen sollte und "Hommes de loi" fällt das harte Urteil, das ausgerechnet die Vertreter des Gesetzes, eben dieses am meisten mit den Füssen treten. "La France" dürfte allen Richtern, Anwälten, Moralisten und französischen Innenministern eine Gänsehaut verpassen, ohne dass sie das Lied überhaupt gehört haben. Warum ? Genauso hiess Sniper`s bisher umstrittenster Song auf ihrem ersten Album von 2001. Auch wenn die Thematik ähnlich ist, wenden sich Sniper diesmal dirket an ihre Kritiker und berichten aus ihrer Sicht über die öffentlichte Reaktion auf ihre Musik, angefangen bei "Du rire aux larmes" von 2001, über die Folgen, die Anklagen, die Prozesse, das Medienecho und die damit verbundene Hetzjagd. Auch wenn die, vorrangig aus Geigen bestehende und traurig klingende Produktion nur passend, nicht aber umwerfend ist, ist Sniper mit diesem Song ein Meilenstein gelungen, der sogar angeblich echte "Hüter von Moral und Ordnung" zum nachdenken anregen könnte.
Wem die deepen Zeilen schon jetzt zuviel werden, der sollte sich "Il Etait Une Fois" erst gar nicht anhören. Denn wer keine Lust auf einen Schuss harte Realität hat, vorgetragen mit erstklassigem Storytellin und versetzt mit tighten Sounds, der wird hier nicht glücklich.
"Retour Aux Sources" beinhaltet unter anderem die Aufforderung sich wieder der kulturellen Wurzeln des Hip Hop zu besinnen, anstatt das Element Rap in einen, von Möchtegern Gangstern infiltrierten, oberflächlichen Krüppel zu verwandeln.
Mit "Elle" gibts dann noch einen, wesentlich besser gelaunten und mit Gitarren verzierten, Chart Gänger, der das Rap Tabu Thema Liebe und Frauen behandelt und "Brűle" wird die Index Fahnder, dank brennenden Autos und Krieg im Banlieue, wieder auf den Plan rufen, während alle Hörer zwar geflasht mit dem Kopf nicken, sich aber wundern wo der Feature von Joey Starr bleibt.....wer allerdings genau hinhört wird die Schreie im Hintergrund identifizieren können....."Fallait Que Je Te Dise" ist ein weiterer und leider auch abschliessender Höhepunkt, in dem Sniper eine äusserst reife (nennen wir es mal) Rechtfertigung abgeben, warum all das gesagt werden musste und noch gesagt werden muss, was sie in ihrer Musik wieder geben.
"Trait pour trait" ist das lyrisch stärkste und vielleicht auch beste Album von Sniper, das vor allem wegen der intelligenten Lyrics, auch wenn diese nicht allen gefallen werden, eine ganz andere Marke ist, als viele weitere Hip Hop Alben mit dem Stempel "Hardcore Rap". Rein musikalisch gesehen ist hier alles ähnlich düster, aber wesentlich Mainstream fähiger als bei verwandten Releases und wenn dadurch solche Texte an mehr Ohren transportiert werden können, wird auch der härteste aller Hardcore Fans nicht von Kommerzialisierung sprechen. Tiefsining - tight - Trait pour trait