Das Schicksal meint es oft nicht gut mit Artists, die über Jahre mit Lob geradezu überschüttet werden und das obwohl sie noch kein eigenes Album in den Läden geparkt haben. Wir alle kennen die Geschichten von solchen, zweifellos sehr taltentierten Rappern, deren Person, ebenso wie das anstehende Debüt, im Vorfeld extrem hochsterilisiert wird, weshalb das Ergebniss am Ende fast schon zur Enttäuschgung verdammt ist und der grosse Hype um das "Wunderkind" einen schnelleren Abgang erlebt, als Lil Jon "Yeah" sagen kann. Aber manchmal scheint dieser enorme Druck von den Schultern des Protagonisten auch ab zu prallen und er liefert genau das ab, was jeder von ihm erwartet: Ein durch und durch gelungenes Erstlingswerk.
Soprano jedenfalls, weiss gut mit diesem Druck um zugehen. Denn nach zwei Alben mit Psy 4 de la Rime, einigen Street Skillz Releases, unzähligen, gefeierten Features und zuletzt einem Best Of Mixtape, bleibt sein Debüt "Puisqu'il faut vivre" nicht hinter den grossen Erwartungen zurück. Bereits beim Opener "Le Divan", in dem sich Sopra auf der Couch seines Psychotherapeuten über all die Dinge in dieser Welt auslässt, die ihn so traurig und wütend machen, wird auch dem letzten Kritiker klar, dass hier ein Lyricist am Werk ist, der zwar mit der Stimme der Banlieue's spricht, dessen Sprache sich aber fernab von Street Slang bewegt und der den Begriff Deepness mit einer ganz neuen Tiefe bekleidet. Dies wird umso deutlicher wenn er sich bei "Mélancolique anonyme", einem Konzeptsong wie aus dem Bilderbuch, als anonymer Melancholiker outet und dabei noch einen kurzen Gastauftritt von Diam's zu bieten hat, der nicht mal in der offiziellen Trackliste geführt wird. Wem es bis dahin noch nicht eiskalt den Rücken herunter gelaufen ist, der wird sich spätestens bei "Bombe humaine" nicht mehr gegen die Gänsehaut wehren können.
Nach so viel perfekt vorgetragener, harter Realität, kommt der tighte Representer "Halla halla" gerade recht, um die Stimmung wieder etwas auf zu lockern. Die Zungenbrecher die Mr. Street Skillz hierbei von sich gibt, hätten viele MCs mit einem Sprachfehler ins Krankenhaus gebracht. Aber Soprano wäre nicht Soprano, wenn er mit den ruhigen Piano Klängen von "Dans ma tête" nicht schon das nächste, nachdenkliche Konzept auftischen würde. Was folgt ist der wahrscheinlich ehrlichste Rap Song der letzten 10 Jahre und was für eine Bombe "Moi j'ai pas" ist, wissen die meisten bereits seit Hostile 2006. Für alle anderen sei kurz erwähnt, dass Soprano hier berichtet, dass er eben nicht so hart wie Tandem, so charismatisch wie ein Malolm X oder so ein begnadeter Freestyler wie Sinik ist, sondern eben nur er selbst.
Der Sound von "La famille", lässt zwar gewollte Nostalgie aufkommen, versprüht aber gleichzeitig auch Hoffnung und besitzt damit erstmals so etwas wie einen positiven Vibe. Beim Remix des inhaltlich sehr religiösen "Tant que Dieu" muss Homie Mino wirklich alles geben, um mit der unglaublichen Präzision von Soprano's Flow mit zu halten und "Juste fais le", mit Fonky Family Member Le Rat Luciano, ist ein durchaus gelungenes Treffen der Planet Mars Generationen. Nach dem einzigen Interlude des Albums zeigt Soprano mit "A la bien", dass es in seinem Leben auch eine Menge guter Dinge und Zeiten gibt, leider ist das musikalisch nicht ganz so stark wie seine düsteren Werke. Trotz tighter Bars seiner Jungs von Psy 4 de la rime, hinkt auch das den Blocks von Marseille gewidmete "Welcome" dem bisher so hohen Niveau ein wenig hinter her.
Mit "Parle-moi" begibt sich Soprano wieder in sein unschlagbares Terrain der reflektierenden Selbsttherapie. Alle Hörer die ihren Fokus auf die Lyrics legen, werden von dieser Ballade direkt ins Herz getroffen, manch andere könnten von den gefühlten 70 BPM ein wenig schläfrig werden. Die sehr detailverliebte Produktion von "Ferme les yeux et imagine toi" und der Feature von Goldkehlchen Blacko (Sniper) macht den Song zur Nummer Eins in Sachen chartkompatilibität und wer hätte gedacht, dass "Puisqu'il faut vivre" mit "Passe-moi le mic" auch noch einen treibenden Street Banger zu bieten hat ? Wer sich die Mühe machen möchte, kann hierbei übrigens mal raten welche prominenten Rapper alles den Songtitel ins Mic schleudern, ich für meinen Teil meine u.a. Sinik, Kery James, Jmi Sissoko und Freeman zu erkennen. Der Abschluss der Trackliste liefert mit dem Titelsong des Albums ein an Melancholie und Tiefe nicht zu übertreffendes Meisterwerk, vor dem selbst Ernest Hemingway in Ehrfurcht seinen Hut gezogen hätte.
Wenn ein MC eines besser kann als alle Anderen, nämlich wie in diesem Fall besonders tiefgründige Texte in besonders innovativen Konzepten wieder zu geben, dann macht ihn das natürlich schon mal zu einem der aussergewöhnlichsten Vertreter seiner Zunft. Wenn er dazu noch eine solch ausgefeilte Technik sein Eigen nennt, ist er nur schwer von der Spitze fern zu halten. Sicher ist "Puisqu'il faut vivre" schwere Kost, nichts für schwache Nerven und nicht geeignet für die Clubs dieser Welt. Aber wen immer Soprano mit seiner Musik erreichen wird, er wird ihn oder sie wesentlich nachhaltiger berühren als alle Punchline Spitter dieses Spiels. Der Hype um seine Person dürfte nach diesem Debüt jedenfalls keineswegs abbrechen.